Reforms  Sik

Ota Sik ist weltweit bekannt als der Erbauer des "Dritten Weges". Er ist, wie kaum ein anderer Wirtschaftswissenschaftler aus Ost und West, ein Mann der Medien. Das zeigt am besten sein umfangreiches publizistisches Werk und zahlreiche Einladungen zu Vorträgen bei Unternehmern, Gewerkschaften und auf dem akademischen Boden, Interviews und Aufsätze in der Presse und anderen Medien.

In diesem Aufsatz sollen einige Fakten und Überlegungen zu Ota Sik als Medienphänomen zusammengetragen werden. Nicht der kritischen Würdigung seines wissenschaftlichen und politischen Weges gilt also in diesem Fall unser Interesse, sondern der Frage, wodurch sein Ruhm begründet wurde und inwieweit seine wissenschaftlichen und politischen Leistungen in Zusammenhang stehen mit seiner enormen Publizität.

Ota Sik wurde 1919 in Pilsen geboren. Bis 1933 lebte er in Teplitz-Schönau, wo er die deutsche Grund- und Realschule besuchte. In großer sozialer und familiärer Not schloß er sich in Prag zunächst den Jungsozialdemokraten und bald danach den Jungkommunisten an.

Mit zweiundzwanzig Jahren, im Jahre 1941 wurde er als kommunistischer Widerständler im KZ Mauthausen eingeliefert und dort bis 1945 gefangen gehalten.

Ota Sik wurde von den Nazideutschen nicht als "Volljude" eingestuft.2 Demgegenüber wurde seine gemischtjüdische Herkunft schon während des Prager Frühlings in Form der Mundpropaganda und nach seiner Emigration ganz offiziell zur willkommenen Munition der Angriffe und Beschimpfungen des Regimes gegen ihn. "Bis dahin habe ich die beginnende Judenverfolgung nicht am eigenen Leib verspürt. Gemäß den Bestimmungen der "Nürnberger Gesetze" war ich nicht Jude. Meine Mutter war Tschechin, aus einer Pilsener Arbeiterfamilie stammend. Mein Vater war Jude, aber auch bereits mit einer "arischen Beimischung" - seine Mutter war bereits "Mischling".

Im KZ Mauthausen konnte er das Leben von Antonín Novotny retten, der später der stalinistische Erste Sekretär der KPTsch und Präsident der Tschechoslowakei wurde.3 Novotny hat ihm dies über viele Jahre hin gedankt und ihm eine glänzende Parteikarriere ermöglicht. Gleich nach dem Kriege hat Ota Sik mit Novotn7`s Hilfe sieben Jahre im Parteiapparat gearbeitet.

"Als kleiner Referent im Prager Kreissekretariat hatte ich kein ausreichendes Gehalt" schreibt Ota Sik.4 Finanziell mag das in der damaligen Zeit der ursprünglichen Bescheidenheit des Parteiapparats stimmen, es war aber doch die Arbeit im Zentrum der Macht, die den weiteren Aufstieg sowohl in der Wissenschaft, als auch in der wirtschaftspolitischen Praxis möglich machte.

Auch in der schwierigen Situation der antijüdischen Hetze, in der Zeit des Slánsk7-Prozesses, hat ihn Novotny geschützt5 und ihm später, im Jahre 1963 und danach die Einflußmöglichkeiten gegeben, die Ota Sik für den Fortgang der Wirtschaftsreform zu nutzen wußte.6

Lange davor, im KZ Mauthausen, hat er auf die verhängnisvolle Frage nach seinem Judentum nach eigener Schilderung positiv geantwortet, was ihn dem Tod nahe brachte. Es ist eine erschütternde Geschichte der höchsten Gefahr und der Rettung im letzten Moment, die auch die Fehler und Schwächen des Mannes mit Nachsicht beurteilen läßt . 7 

Das jüdische Element in seiner Herkunft war für ihn, da er sich nie als Jude verstand, zunächst vielleicht nur wenig hinderlich.8

Sik sagt zwar nicht ausdrücklich, daß seine jüdisch gemischte Abkunft eine Rolle spielte in der Affäre, die im Jahre 1951 zu seiner Entfernung aus dem Kern der Macht führte, nämlich aus dem Parteiapparat in die nur ideologisch wichtige Parteihochschule, es ist aber sehr wahrscheinlich, wie die Formulierung des Anklägers von Sik`s Zugehörigkeit zu dem (bekanntlich "zionistischem") "Verschwörerzentrum" zeigt. Die tschechischen kommunistischen Antisemiten waren offensichtlich - anders als die Nazis - nie zimperlich bei der Einstufung von "Mischlingen" verschiedenen Grades als Juden. So wurde seine "jüdische Herkunft" später, während des Prager Frühlings und nach seiner Emigration, zur willkommenen Munition der Propaganda und der Beschimpfungen durch das Regime.

Schon in den Jahren 1936-1939 begann er sein marxistisches Studium. Eine sehr beliebte populäre tschechische komunistische Darlegung des "Kapital" von Marx, geschrieben von einem kommunistischen Bankbeamten, Ulrich (Kamenicky),9 die ihm 1937 in die Hände kam, inspirierte ihn zum Studium der politischen Ökonomie.

Gleich nach dem Kriege widmete er sich dem Marxismus und dem Studium der marxistischen politischen Ökonomie. Noch in der Emigration nach 1968, als Professor in der Schweiz, nahm er diese Studien wieder auf.

Die Attraktivität des Kommunismus liegt besonders darin, daß er den ganzen Menschen anspricht, -die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, -die Bereitschaft, Armen, Schwachen und Leidenden zu helfen, -die Bestrebungen, in der Gesellschaft etwas Praktisches zu tun, um die Übel zu beseitigen, -die scheinbar einfache Erklärung der gesellschaftlichen Phänomene und das Versprechen der letztgültigen Welterklärung als allesumfassender Wahrheit, aber auch die Verheißung persönlicher Geborgenheit in einer großen Gemeinschaft. Der Kommunismus ist eine Religion der modernen Zeit. Neben den alten Träumen, die sowohl die alten Religionen als auch der Kommunismus zu erfüllen versprechen, wird auch ein neuer Traum von der Verwissenschaftlichung des Lebens auf die Fahnen geschrieben. Seine Autobiographie zeigt, daß er in den dreißiger Jahren von diesen Idealen angezogen wurde, auch unter dem Einfluß persönlicher Not.

Auch die Trennung der Enttäuschten, die von der Partei als als "Verräter" eingestuft wurden, zeugt von der besonderen Attraktivität des Phänomens des Kommunismus. Es ist seltsam, daß die Attraktivität des Kommunismus gleichermaßen den Schlüssel zum Verständnis bildet, sowohl der Zuwendung zum Kommunismus, als auch der Abkehr vom Kommunismus, wenn die großen Versprechungen nicht gehalten werden..

Die Beispiele der abtrünnigen Kommunisten zeigen wie unterschiedlich, situationsbedingt und individuell diese Abkehr war und ist. Sehr verschieden und individuell ist auch die Ernsthaftigkeit, Aufrichtigkeit und Konsequenz, mit der jeder Einzelne seinen Bruch mit dem Kommunismus vollgezogen hat.

Wie bei fast allen anderen ging die Abkehr vom Kommunismus bei Ota Sik auf einige wichtige Momente in der Entwicklung des Weltkommunismus und in der KPTsch zurück (die Abrechnung mit Stalin am XX.Parteitag der KPdSU und das Scheitern des Wirtschaftssystems in der $SSR). Ota Siks partielle Abkehr von Kommunismus ähnelte der Entwicklung vieler "Abtrünniger". Trotzdem wäre es wichtig und lehrreich die Stellung von Ota Sik herauszufinden unter den unzähligen Politikern, Wissenschaftlern, Publizisten und einfachen Parteimitgliedern, die sich vom Kommunismus abgewendet haben.

Nach unserer Meinung gehört Ota Sik aber nicht zu der Gruppe der ehemaligen Kommunisten, wie z.B. W. Leonhard, A. Köstler, M. Sperber, M. Djilas und andere, die imstande waren, mit der eigenen kommunistischen Vergangenheit wirklich scharf und selbstkritisch abzurechnen. Im Gegenteil: Ota Sik greift zwar, insbesondere in den letzten Jahren, die alten marxistischen Anti-Marktthesen sehr scharf an, jedoch mit einem kleinen Schönheitsfehler: Er behauptet dabei immer wieder, daß er eine solche klare pro-Marktposition beinahe schon immer vertreten hat. Aufgrund seiner Publikationen aus verschieden Jahren ist leicht belegbar, daß das nicht stimmt- mehr noch: Auch heute noch trägt er an seinem orthodoxen marxistischen Mißtrauen dem Kapital und dem "kapitalistischen" Markt gegenüber. Darum glaubt er, diesen Markt mit einer Makroplanung, "Neutralisierung des Kapitals" und einer Überführung der Unternehmen in das Eigentum der Beschäftigten kurieren zu müssen.

Ota Sik wurde nicht als braver dogmatischer Kommunist der Welt bekannt, sondern als abtrünniger Kommunist, - wie viele andere vor ihm - , wenn auch mit einer vorher nicht gesehenen Medienintensität.

 

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